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Midwife Monday

#Midwife Monday: Der erste Tag

Ich war gerade mal 17 Jahre jung und auf dem Weg zum Internat der Hebammenschule. Folgerichtig entschied ich mich für etwas medizinisches aus Familie von Medizinern stammend. Der erste Tag im Internat stand vor der Tür. Ferienlager Stimmung kam in mir hoch. Die anderen Mädchen waren auch schon da. Wir standen unten vor der Tür und verabschiedeten uns artig von unseren Freunden, denn die Jungs mit aufs Zimmer zu nehmen, war strikt verboten. Die Schleichwege, das zu umgehen, würden wir erst später entdecken.

Nach einer Einweisung in die erschreckenden Regeln des Schwestern Internats, in welchem ich nun für die nächsten 3 Jahre wohnen sollte, wie ein Häftling, klingelt das erste Mal der Wecker um 5:00 Uhr.  

5:00 Uhr ist wirklich nicht meine Zeit, mein biologischer Rhythmus beginnt gnädig gegen 09:00 Uhr zu funktionieren. Mein Vater hatte mich auf diese Hürde in seiner leicht zynischen Art hingewiesen, jedoch hatte ich das in der Vorbereitung völlig vergessen. Das hab ich die letzten 10 Jahre in der Schule nie verstanden, warum man 6:30 halb schlafend und frierend in einem stinkenden Klassenzimmer mathematische Höchstleistungen vollbringen soll, abgesehen davon, dass ich diese auch 14 Uhr nicht erbringe. Nun soll ich bitte um diese Uhrzeit aufstehen und Kinder zur Welt bringen? Ob das die richtige Entscheidung war?

Vielleicht doch lieber eine Geisteswissenschaft? Da kann ich hingehen, wann ich will und mit den anderen in der Mensa rumhängen und am Abend in Studentenclubs Rotwein trinken.

Im Internat galten strenge Regeln. 22 Uhr ist Anwesenheitspflicht, Bettruhe und Licht aus. Mensa und Rotwein ade. Und Jungs dürfen nicht aufs Zimmer. Es gab ein Bett, einen halben Schrank und einen kleinen Nachtisch. Plakate ankleben verboten. Den gemeinsamen Schreibtisch musste ich teilen. Der Duschraum war voll mit Mädchen, die sich wie Bolle über eine warme Dusche freuten, da sie das von ihrem zu Hause nicht kannten. So eine Ansammlung von Kichern und Cliquenbildung ist mir eh schon immer fremd gewesen und ich habe mich nie so recht dazu gehörig gefühlt. Duschen fällt aus.

Die jungen Hebammenschülerinnen stapften gemeinsam zu ihrem ersten Dienst im Kreißsaal. Jede mit ihren eigenen Vorstellungen und Ängsten im Kopf. Wir alberten ein bisschen rum, um unsere große Aufregung zu lindern, und schon mal zu schauen, mit welcher von denen man sich gut verstehen würde.

Von einer wußte ich damals schon, dass wir keine Freunde werden, ohne zu ahnen, dass genau sie anwesend sein wird, wenn ich mein Kind gebären werde.

Wir klingelten am Kreißsaal, ein für uns noch ungewohnter Geruch nach Desinfektion und Chemie und ungewohnte Geräusche wehte uns entgegen und die Tür ging auf und eine neue Welt öffnete sich.

Ich war ein 17 Jahre junges Mädchen und hatte zu diesem Zeitpunkt nicht die leiseste Ahnung vom Leben, Frauen, Sex und Geburt und wie sehr dieser Tag mein Leben prägen wird.

Wir hatten schon von den anderen „großen Schülerinnen” gehört, dass hier ein harter Wind weht und man keinesfalls freundlich zu uns ist und was uns hier für ein Drill erwartet. Die Hebamme, die uns empfing, fühlte sich gestört von uns und weißt uns kurz ein, was für eine Kleidung wir tragen sollen. Ich erahnte nicht im Geringsten, was das für eine Herausforderung sein wird.  

Heute gibt es Schülervertreter in den Kreißsälen, um solche Zustände, die man frei heraus Drill und Schikane nennen darf, zu verhindern. Mein Vater, selbst Arzt und durch diese Schule gegangen, hatte mich gut vorbereitet.

Ich wurde einer ruppigen unfreundlichen Hebamme zugewiesen, die sich meinen Namen nicht merken konnte und mir nur zurief: „Kreißsaal 1 ist eine Geburt. Da geh’ mal rein.” Vorsichtig betrat ich den Raum, etwas unsicher, ob ich nicht lieber anklopfen soll.

Ich blickte direkt auf eine nackte Frau, deren Beine in Haltern festgeschnallt waren und die laut schrie. Mehrere Personen standen vor ihr und riefen laut und geschäftig durcheinander. Alle trugen Mundschutz, so dass man niemanden erkennen konnte. Ein grüner, etwas schmuddeliger Vorhang trennte den Raum, und offensichtlich lag direkt daneben noch eine andere Frau.

Ein Arzt hinter dem Mundschutz herrschte mich an, ich solle nicht im Weg stehen und wer ich denn eigentlich sei. Ich antwortete brav, die neue Schülerin.

Ich konnte das Augenrollen ahnen und trat zur Seite. Lachend sagte er, na dann pass auf, dass du dich beim in Ohnmacht fallen nicht verletzt. Was meint er denn jetzt damit?

Mir kam die Situation vor, wie in einem Horrorfilm, so wie ich ihn mir vorstellen würde. Die Frau im Bett schrie immer lauter und irgendeiner der Ärzte schrie zurück, sie solle jetzt ruhig sein. Überall war Blut. Ein Baby schrie.

Ich will da raus. Sofort.

Die Hebamme von vorhin drückte mir etwas in die bloßen Hände, was aussah, wie Leber und blutig war. Erschrocken schaute ich sie an und sie lacht und sagt: „Ja, das gehört dazu. Da kannst du dich schon dran gewöhnen.”

Gewöhnt habe ich mich an solche Situationen bis heute nicht, auch nach 30 Jahren Hebamme.

Geschrieben von Sabine Kroh, Hebamme und Expertin bei ONO Labs

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