Keine Versandkosten für Spar Abos und Bestellungen innerhalb Deutschlands ab 45€ Bestellwert.
Schnapp' Dir 10% Rabatt auf Deine erste Bestellung mit Code DKB31 Jetzt Kaufen
×
Midwife Monday

#Midwife Monday: Die Hebamme und die Frage der Schuld

“Ach, das ist aber ein schöner Beruf. Du bringst Leben zur Welt,“ sagen die meisten Menschen, die fragen: und was machst du so? Ich könnte schnippig antworten, nein, ich bringe kein Leben zur Welt, sonst hätte ich ja ungefähr 2000 Kinder, ich helfe den Frauen, die sich mir anvertrauen, Leben auf die Welt zu bringen.

Für viele ist die Imagination, was wir Hebammen so machen, irgendetwas zwischen Kaffee trinken und ständig mit Tränen in den Augen frische Babys im Arm halten. Weit gefehlt. Es ist viel Routine im täglichen Auf und Ab die Treppenstufen zu Hausbesuchen rauf und runter, viel Bürokram, Arbeit am Schreibtisch, lästiges Qualitätsmanagement und Abrechnungs Nächte mit Netflix.

Die wenigsten von uns halten täglich ein gerade geborenes Baby im Arm und das auch nicht immer mit Pippi in den Augen. Manche schauen einen auch an, als ob man gleich noch ins blutige Geschehen muss und so: “Ach musst du gleich los?” Wie aufregend das jetzt hier ist, in Kombination mit einem kritischen Blick auf das Weinglas, welches ich in der Hand halte.

In der letzten Woche rief mich eine Kollegin an, die den Podcast mit der Hebamme Natalie Samimi gehört hatte und es toll fand. Dieser Kollegin ist in einer Betreuung ein Baby am plötzlichen Kindstod gestorben und sie wollte sich austauschen, sprechen, ihren Kummer und ihre Schuld loswerden. Darüber würde sie gern mit mir im Podcast sprechen. Aber sehr gern! Wir alten Hasen haben uns da nämlich Gedanken gemacht in den vielen Jahren, die wir schon Hebammen sind. Der Podcast wird lang, kontrovers und spannend.

Warum Schuld? Es ist völlig richtig und professionell zu hinterfragen, ob man was besser hätte machen können und aufmerksamer sein können.

Aber Schuld? Gerade in diesem Thema stellt sich die Frage nach einem Schuldigen nicht und hoffentlich nicht für die Eltern, denen so etwas wirklich unvorstellbares passiert.

Oft begegnen uns Frauen und Familien, die in ihren Erwartungen enttäuscht worden sind. Das Stillen hat nicht geklappt oder die Geburt ist nicht so verlaufen, wie sie sich gewünscht hätten.

Ich musste an eine Frau denken, die mich nach einer langen und zähen Geburt im Geburtshaus, dann förmlich nach Wochen ins Geburtshaus zitierte und mir die Schuld dafür geben wollte.

In all diesen unerfüllten Erwartungen oder Wünschen muss es dann eine Person geben, die verantwortlich ist. Das ist häufig der einfache Weg und auch verständlich. Die Hebamme ist bei diesen Themen natürlich die Person, die am nächsten dran ist.

Wie oft ertappe ich mich selbst dabei, Schuld zuzuweisen in einfachen und alltäglichen Situationen. Oft höre ich Frauen, die sich unterhalten und wenn eine dann erzählt, ja, das mit dem Stillen hätte bei ihr nicht geklappt, dann ist die wahrscheinlichste Frage der anderen:  “Hast du denn die Hebamme gewechselt?” In der Frage ist die Schuld ja schon implementiert.

Bei einem so unfassbaren Ereignis wie dem plötzlichen Kindstod, ist der Schmerz so unfassbar, wie alle Mamas bestätigen können, dass nur die Vorstellung solchen Unglücks uns den Schlaf raubt. Mich erinnerte das an meine Erfahrung vor ein paar Jahren. Ich erhielt einen Anruf einer jungen Mutter, die mich anrief und mich anschrie und mich mit Schuldvorwürfen überzog.

Es schlugen zwei Herzen in meiner Brust. Das der Mutter, die den Schmerz der Frau ahnen konnte und das Herz der Hebamme.

Es war Kolleginnen passiert, ich hatte gehört davon in unserer gut vernetzen Gruppe und jetzt passierte es mir. Da war sie, die Schuld.

War ich Schuld? Hatte ich die Eltern gut genug beraten? Hätte ich dieses Baby schützen können? Ich nahm Kontakt zu den Kinderärzten und zum Gynäkologen auf. Sie erlebten dasselbe. Auch hier Schuld. Wer hatte den Fehler gemacht? Diese Frau suchte verzweifelt nach jemanden, der verantwortlich war. Die Eltern verweigerten jeden Kontakt, jedes Gespräch darüber mit mir.

Ein Psychologe und liebe Kolleginnen konnten mir die Schuld, die ich nun mittlerweile selbst empfand, nehmen.

Der plötzliche Kindstod ist und bleibt ein Mysterium. Bis jetzt weiß niemand wirklich, was genau die Ursachen sind. Die Präventionen, die wir seit ein paar Jahren versuchen einzuhalten und darüber aufklären, zeigen einen leichten statistischen Rückgang der Zahlen. Verhindern können wir dieses Ereignis aber eben offensichtlich nicht. Es passiert. Es ist furchtbar. Unfassbar. Niemand ist hier schuldig.

Geschrieben von Sabine Kroh, Hebamme und Expertin bei ONO Labs

Wähle Deine Box