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Midwife Monday

#Midwife Monday: Die Hebamme und der Thermometer Trick

Es waren 3 harte Jahre der Ausbildung zur Hebamme. Im Osten dieses Landes in Zeiten des Umbruchs.

Im Kreißsaal herrschte ein rauer Ton und ein straffes Regime. Wir wurden angetrieben, hatten kaum Pausen, angeschrien und gemobbt. Es war hart und mit vielen Zweifeln und Tränen verbunden, diese Zeit. Wenn eine Hebamme einen nicht mochte, dann hatte man es echt schwer, es ihr recht zu machen. Kurz, es war unmöglich. Ging man über den Gang des Kreißsaales und hatte nichts in den Händen, schrie man uns an, dass es keinen Weg gäbe,  ohne etwas in der Hand zu haben.

Man kontrollierte akribisch unsere Haare, unser Make-Up, die Nägel, die Kittel, Schmuck. Wir mussten dafür militärisch in Reihe antreten am sehr frühen Dienstbeginn. Für meine biologische Beschaffenheit ein Albtraum und ich war immer wehrlos um diese Zeit, denn ich schlief noch. Die Kittel mussten wir noch selbst waschen und bügeln. Es durfte nicht der kleinste Knitter drin sein.

Ich hatte es besonders schwer, da mein Vater ein bekannter und vorgesetzter Arzt war und, naja, nicht sehr beliebt. Da hörte ich schon oft: „ Ach, sie sind die Tochter von… na prima… …aber eine Extrawurst gibt es für sie hier nicht, Fräulein.“

Wir mussten zum Dienstbeginn exakt 5:45 Uhr umgezogen im Gang stehen. Keine Sekunde später. Dann wurde geputzt. „Kroh: Sie putzen Kreißsaal 1!“ Ich hatte heute Glück, es war der kleine Kreißsaal. Ich putzte erst mit Seifenwasser, dann mit Desinfektion, dann mit klarem Wasser und dann das Ganze noch polieren.

Alle abwischbaren Flächen. 16 qm Kreißsaal in ungefähr 2 Stunden. Abwischbare Flächen? Das bekam ich hin, logo. Die Abnahme war der schlimmste Teil. Die Hebamme kam herein, grinste mich an, ging zur Tupfer Schale, nahm sehr sehr langsam einen schneeweißen Tupfer heraus und ging zielstrebig zum Heizkörper, dessen Lack abblätterte.

Tja, dachte ich, den hab ich abgewischt. Ein kleiner grinsender Triumph kam in mir auf. Weit gefehlt. Sie ging extra langsam mit dem Tupfer hinter den Heizkörper und wischte genüßlich mit dem Tupfer hin und her. Mir wurde mulmig. Der Triumph verging. Sie kam mit dem Tupfer in der Hand auf mich zu und zeigte mir sanft lächelnd, einen kleinen grauen Streifen auf der Gaze.

„Na, Fräulein Kroh, das machen sie jetzt noch mal.”

Ich ging mit meinem kleinen blauen Putzeimer auf die Heizung zu und wollte anfangen die Heizung noch einmal zu putzen.

Sie schrie sie auf: „Habe ich gesagt die Heizung? Sie putzen Alles noch einmal!”

In mir wurde der Punker wach und ich wollte zum Sprung ansetzen. Sie fiel sie mir ins Wort, noch ehe ich einen Ton herausbringen konnte. „Widersprechen sie mir nicht. Alles noch einmal. Aber dalli. Wir haben ja nicht den ganzen Tag Zeit.“

„Und ziehen sie die Handschuhe aus, wir müssen sparen und ihre Fingern werden schon nicht daran kaputtgehen“.

In der Nacht, als es ganz ruhig war im Kreißsaal, durften wir stundenlang im Kreißsaal sitzen und Tupfer drehen oder Papier schneiden. Wir mussten in unsere Lehrbücher schauen. Wenn die Hebamme rein kam, dann mussten wir uns erheben. Sprechen durften wir nicht miteinander.

Zwei meiner Mitschülerinnen kamen aus einer Pfarrersfamilie und waren eher sehr zarte und sensible Wesen. Sie verstanden die Welt nicht mehr und weinten oft. Oft gab es Streit und wir kämpften darum ins Labor zu gehen, um wenigstens einmal im Dienst da rauszukommen. Und der Gang ins Labor konnte dauern. Die Langsamkeit bekam eine andere Dimension.

Manchmal half der “Thermometer Trick”. Einfach mit einem versteckten Thermometer unterm Arm an der immer zu heißen Heizung sitzen, schön nah dran. Dann ging ich mit dem Thermometer, dass dann eindeutig Fieber anzeigte, zu meiner Hebamme und durfte natürlich gehen. Die anderen hatten andere Tricks.

In den drei Jahren lernten wir viel. Es war eine gute fachliche Ausbildung. Wir hielten zusammen. Im dritten Jahr wurde es dann besser. Es gab ja die Neuen. Die waren jetzt dran und einige von uns machten mit bei dieser Schikane. He, uns hatte ja auch keiner geholfen.

Eine Ausbilderinnen, die besonders hart zu uns war, traf ich Jahre später auf einem Kongress. Sie erinnerte sich an meinen Namen. Wie es denn meinem Vater gehe?

Sie hielt einen Vortrag über Achtsamkeit.

Geschrieben von Sabine Kroh, Hebamme und Expertin bei ONO Labs

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