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Midwife Monday

#Midwife Monday: Die Hebamme und die Liebe der Anderen

Jetzt war es aber auch genug mit den Geschichten aus dem Tierreich, obwohl die Geschichte der Python, die plötzlich unter dem Sofa hervor kroch und Barbie hieß, lässt sich schnell erzählen.

Erstaunlich ist daran eigentlich nur, dass ich keinen Herzkasper bekam und dass die Besitzer des reizenden 3 Meter langen Kriechtieres nicht im Traum daran dachten, dass Vieh bei Besuch weg zusperren oder wenigstens vorzuwarnen wie zum Beispiel: “Ach, im übrigen unsere Python Barbie kriecht hier irgendwo rum, nicht erschrecken.“

Ob ich denen das geglaubt hätte oder es für einen handfesten schlechten Scherz gehalten hätte?

Die kleine reizende Schlange bringt mich zur Überschrift zurück und dem alten Thema der Schlange im Paradies und der Liebe.

Wir Hebammen haben in unserer Arbeit einen tieferen Einblick in die Beziehung der Paare. Wir begleiten nicht nur im rein fachlichen und medizinisch kompetenten Sinne, sondern werden oft, und das nicht immer ganz freiwillig, in eine Beziehung und ihre privaten Tiefen hineingezogen.

Natürlich ist es wichtig die Hintergründe der Entstehung, vom totalen Kinderwunsch mal abgesehen, zu wissen, aber es gibt schon Einblicke, die wir nicht erfragen.

Das erste Kennenlernen, wie lange das Paar schon zusammen ist oder den gesellschaftlichen Status, in dem das Paar lebt, die wilde Ehe oder ganz klassisch verheiratet, das sind Informationen, die für unsere Arbeit wichtig sind.

Sofort denken wir hier, dass nur die Damen, die Plaudertaschen wären?

Weit gefehlt, es sind die Herren, die da gern mal die Grenze unserer Professionalität ausloten und beschwingt ein paar kleine Anekdoten aus dem Schlafzimmer zum Besten geben oder im Streit um das Recht haben versuchen, uns auf ihre Seite zu ziehen.

Die Hebammenausbildung soll ab 2019 akademisiert werden. Eine längst überfällige Maßnahme, mit der Herr Spahn sich gern brüstet und so tut, als ob sie auf seinem Ministeriums Tisch entstanden ist. Weit gefehlt. Ein wichtiger Punkt dieser Ausbildung sollte unter anderem sein, die Ausbildung um das Fach der kompetenten Kommunikation mit den Paaren in unserer Betreuung zu erweitern.

Achtung!

Falls jemand das liest, der Herrn Spahn kennt, dann hätten wir dazu noch viel beizutragen und bitten um dringende Einbeziehung der Basis in die Planung solcher Schritte.

Zurück zur Liebe der Anderen oder hier besser zur Streitkultur in Beziehungen der Anderen.

Wir lernen ja selbst in unseren eigenen Liebesbeziehungen immer wieder Neues dazu und entwickeln hoffentlich eine immer bessere Kultur der Auseinandersetzung. In der Zeit der Schwangerschaft oder gerade in der ersten Zeit mit dem Baby zu Hause sind die Umstände so außergewöhnlich, dass alles gelernte einfach mal den Bach runter gehen kann.

Wir Hebammen sind dann mittendrin. Nicht immer gewünscht und oft nicht immer schön.

So auch in meiner Geschichte mit diesem Paar, welches ich im Geburtshaus begleiten durfte.

Schon beim ersten Besuch am Beginn der Schwangerschaft hatte ich den Eindruck einer  etwas, sagen wir hier mal, verhaltenen Freude auf das gemeinsame Kind gespürt. Gut, es müssen ja auch nicht alle völlig aus dem Häuschen sein. Der junge werdende Vater saß sehr still und abwesend dabei mit freudlosen Gesichtszügen, leeren Augen und nein, er hatte auch keine Fragen an die engagierte Hebamme.

Zwischen den beiden bestand keinerlei Verbindung im Sinne des körperlichen Kontaktes.

Das mag ja in vielen Beziehungen normal sein, dass die Paare nicht immer und ständig aneinander rum grabbeln, und nur weil mir das sicher gefallen würde, heißt es ja nicht, dass es für Alle so sein muss.

Unter der Geburt sieht man dann schon mal den Mann entspannt am Laptop sitzen und Excel Tabellen bearbeiten oder in Ruhe den Spiegel lesen. Glaubt man kaum, ist aber so. Das Gegenteil kann auch sein, dass der Göttergatte am liebsten selbst die Untersuchung der Eröffnung des Muttermundes vornehmen würde. Auch komisch.

Bei diesem Paar gab es sowas wie eine völlige Neutralisierung. Es war fast ein bisschen Gespenstisch, aber gut, die beiden haben das Kind ja auch miteinander gezeugt, also wird es schon irgendetwas geben, was sie verbindet, auch wenn ich es nicht sehen kann.

Das Baby wurde recht schnell geboren und das Paar verließ wieder völlig emotionslos das Geburtshaus in Richtung zu Hause.

Die ersten 3 Tage der Betreuung nach der Geburt waren komplikationslos und unemotional.

Am Abend des letzten Hausbesuches bei ihnen, war ich auf einer kleineren Geburtstagsfeier einer eher entfernten Freundin eingeladen und wir wollten dort nur kurz vorbeischauen, um dann im späteren Berliner Nachtleben uns unter die Tanzenden zu mischen. Der Geburtstag war eher als eine kurze Stippvisite gedacht, bis die Clubs dann endlich mal öffneten.

Ich stand fröhlich plaudernd mit einem alkoholischen Mischgetränk im Raum und sah mich aus den Augenwinkeln um. Ich kannte den größten Teil der Gäste nicht und hielt mich an meine Begleitung.

Am Ende des Raumes sah ich ein Paar auf dem Sofa sitzen und wild rumknutschen und ich dachte noch: “Na das ging ja flott”.

Die Party hatte gerade erst begonnen und die Tanzfläche war noch nicht gefüllt mit den üblichen Frauengruppen, die in der Regel den Tanz zu ein paar Krachern aus den 80zigern beginnen.

Gerade als sich mein Blick von der Knutscherei lösen wollte, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, denn da saß der mir so emotionslose erscheinende junge Vater, welchen ich am Vormittag noch im Wochenbett besucht hatte,  eng umschlungen mit einer, zugegebenen bildhübschen, jungen Frau. Hoppla. Instinkt – artig wollte ich sofort den Raum verlassen und das im Prinzip alles gar nicht wissen.

Ich drehte mich zu meiner Begleitung, auch eine Hebamme, und gab ihr mit einem kurzen Kopfnicken zu verstehen, dass ich ganz dringend mit ihr was wahnsinnig Wichtiges zu besprechen hatte. Ein bißchen so, wie kleine oder große Kinder so lange am Hosenbein ziehen, bis man ihnen zuhört.

Im Augenwinkel konnte ich aber sehen, dass der junge Vater sich erhob und schnurstracks auf mich zukam. Lieber Erdboden, bitte geh auf und lass mich verschwinden, bitte.

Ich wurde nicht erhört. Mit hochrotem Kopf zupfte er an meinem Ärmel und begrüßte mich sichtlich aufgeregt. Er stammelte zusammenhanglos rum und suchte sichtlich nach Fassung, um letztendlich in Tränen aufgelöst zu verstummen. Die anfängliche Wut über den Betrug an seiner Frau und seinem Baby schwand in mir. Er bat mich, ihm zuzuhören. Es war ihm so sehr unangenehm. Mir auch.

Das Paar hatte sich schon vor langer Zeit nach einer langen und glücklosen Beziehung getrennt. Bei einer Party bei Freunden, auf der beide wohl sehr sehr betrunken gewesen sein müssen, hatten sie den sogenannten Sex mit dem Ex und da ist das Kind entstanden.

Kurz danach lernte er die Frau, die immer noch auf dem Sofa im Raum saß und über die er sagte, dass er seine große Liebe getroffen hätte, kennen.

 

Ich musste kurz an die Frau zu Hause denken, die gerade ein Kind geboren hatte und wer weiß was für Hoffnungen auf eine Familie hatte.

Er wollte dieses Kind, was gerade auf die Welt gekommen war, nicht. Die Frau hatte das für sich entschieden und der Mann entschied, die Rolle des Vaters, so gut es ihm möglich war, zu erfüllen. Eine Beziehung war für ihn aber keine Option mehr.

Wir alle wissen, dass ein Kind keine Beziehung retten kann oder die Liebe zurückbringt. Ich war in schweren Gewissensnöten und hin und her gerissen zwischen der Position der Frau und der des Mannes. Seine Ehrlichkeit, zumindest mir gegenüber, überraschte mich.

War es meine Aufgabe, mich einzumischen und Stellung zu beziehen?

Mir war klar, dass ich auf keinen Fall die Betreuung weiter machen konnte mit diesem Wissen, ohne mich einzumischen, in Dinge die mich nichts angingen. Ich befragte Kolleginnen nach ihrer Meinung, was sie tun würden und die Meinungen waren so kontrovers und geprägt von eigenen Erfahrungen, dass mir das am Ende nicht weiter half.

Die weitere Betreuung übernahm eine Kollegin, die von alldem nix wusste. Ich konnte einfach dort an dieser Stelle keine gute Begleitung mehr sein.

Geschrieben von Sabine Kroh, Hebamme und Expertin bei ONO Labs

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