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Midwife Monday

#Midwife Monday: Die Hebamme und die Roses Revolution

Ich sitze am Abend bei einem Essen mit den Frauen der Digitalen Elternhelfer im November in Berlin. Wir plaudern nach einem vollgepackten Tag und einem erfolgreichen Event bei einem wohlverdienten Wein.

Viele dieser Gruppe sind Frauen, Gründerinnen und Mütter. Der einzige Mann im Team, der natürlich in Tech arbeitet, setzt sich neben mich und fragt, ob ich wirklich Hebamme bin und wie das so ist.

Das ist ja Alles so schlimm, immer die gleiche Leier, ach ja und das mit den Versicherungen.  

Ich habe das Gefühl er wird mich gleich tröstend in den Arm nehmen. Ich bin etwas genervt davon, dass er mir offensichtlich unbedingt ein Gespräch aufdrängen will und antworte nicht unhöflich, aber recht kurzsilbig. Er kommt schnell zum Punkt und redet ganz offen und unverblümt über seinen Kinderwunsch mit seiner Freundin. Aha, daher weht der Gesprächsbedarfs-Wind.

Sie würden jetzt schon 2 Monate üben und, naja, jetzt wirds aber langsam Zeit mit dem Baby. Aber wirklich. Auf eine Kinderwunschberatung habe ich aber ehrlich keine gesteigerte Lust, so am Abend mit Wein in der Hand. Am liebsten würde ich ihn fragen, ob es denn Spaß macht, das mit dem Üben? Ich lass das lieber mal. Nicht jeder kommt mit meinem Humor sofort zurecht. Manche gar nicht. Ich bin aber schon ein bißchen in Stichel Laune. Er rutscht ganz verschwörerisch an mich heran und fragt mich leise, was es denn jetzt mit dieser Roses Revolution auf sich hat. Jetzt nimmt das Gespräch einen Verlauf, den ich so nicht erwartet hätte. In den letzten Tagen habe ich genau dazu viel gelesen und nachgedacht.

Der Verein  Roses Revolution “Initiative Gerechte Geburtshilfe in Deutschland “widmet sich der Selbstbestimmung der Frauen in der Schwangerschaft und Geburt und will auf Gewalt und Respektlosigkeit in deutschen Krankenhäusern aufmerksam machen. Für eine gerechte und positive Geburt. Was genau die gerechte und positive Geburt definiert, bleibt offen und beinhaltet eher wieder das Gerecht und Unrecht und das von guten und von schlechten Eltern.

Argumentative Unterstützung holt sich der Verein aus einer Erklärung der WHO aus dem Jahre 2015. Eine Petition aus Ungarn, die hier angeführt wird, zielte aber auf eine andere Frage ab. In Ungarn sind Hausgeburten verboten und eine Hebamme ist dafür verurteilt worden, dass sie Hausgeburten durchführt. Die ungarische Hebamme klagte beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und gewann die Klage über die Wahlfreiheit über den Geburtsort. Für Ungarn und die dort arbeitenden Hebammen ein wichtiges Zeichen, dass ein Staat nicht bestimmen kann, wo die Frauen ihres Landes gebären.

Mit der Initiative soll Frauen eine Plattform gegeben werden, über ihre traumatischen Erlebnisse zu berichten, und als Zeichen für Missbrauch und Gewalt eine Rose vor dem Kreißsaal abzulegen, mit einem Brief, der ihnen helfen soll, das Trauma zu bearbeiten.

Der junge Mann, neben mir hier im November im Restaurant in Berlin, hätte da so viele schlimme Dinge gelesen von Vergewaltigung, Missbrauch und Gewalt im Kreißsaal. Frauen würden dort geschlagen werden und gegen ihren Willen Kaiserschnitte durchgeführt werden. Seine Freundin würde jetzt schon große Angst haben und vielleicht lieber doch kein Kind bekommen und er hat Angst um seine Freundin.

Dass es Rosen sind, die dort abgelegt werden, ist mir nie ganz klar geworden. Seit Jahrhunderten wird die Rose, die die Seefahrer mitbrachten und welche in der griechischen Mythologie die Bedeutung der Liebe und Schönheit hat, hier nun für die Gewalt und Unrecht, gegen Respekt und Würde steht. Das verstehe ich nicht wirklich.

Aber gut, die Initiatorinnen, die vor 6 Jahren diese Initiative hier in Deutschland ins Leben gerufen haben, werden sich schon ihre schlauen Köpfe darüber zerbrochen haben. Hat diese Aktion zum Ziel, dass ein junger Mann und seine Freundin, Angst haben in einem Kreißsaal in Deutschland ein Baby zu bekommen, oder im Wochenbett Gewalt zu erleben?   

Wie sehr mir die Art der Kommunikation und häufig, die sehr nach Meinungs Hascherei riechende Facebook und Social Media Post, gegen den Strich gehen, das kann dieser junge Mann ja nicht wissen.

Dass dem Thema Aufmerksamkeit gewidmet werden muss, ist absolut richtig, aber wenn in vielen Zeitungen und im Fernsehen, in einem für mich persönlich unangenehmen Ton und Vokabular über Gewalt im deutschen Kreißsaal berichtet wird, dann ist das zwar Aufmerksamkeit, aber führt es dazu, dass den Frauen und allen Betroffenen geholfen wird?

Was macht denn die Schwangere damit, die gemütlich auf dem Sofa sitzt und ein bißchen durch das Programm zappt und deren Geburt direkt bevorsteht? Sie schaut einer aufgeregten Frau mit hochrotem Kopf zu, die über Gewalt im Kreißsaal spricht und darüber berichtet, dass die Schwangere ihre Würde und Selbstbestimmung an der Kreißsaal Tür abgeben muss? Diese Gewalt, wie immer man diese auch definieren will und wie unterschiedlich diese auch von jedem erlebt wird?

Auf der Facebookseite wird sich gefreut wie Bolle, dass man es ins Fernsehen geschafft hat. Toll. Es ist nicht das erste mal, dass ich als Hebamme von Frauen oder Freunden darauf angesprochen werde und als letztens rief eine Zeitung an und bat um ein Statement dazu.

Guter Journalismus, denn hier fragt jemand auch die andere Seite der Betroffenen: die Hebammen, die da täglich in der Klinik arbeiten, unter schlimmen Bedingungen, schlecht bezahlt, nicht anerkannt, einen Hammer Job machen und das mit Hingabe für diesen Beruf.

Ob ich denn auch schon mal in meinen 30 Jahren einer Frau oder einem Baby Gewalt angetan hätte?

Das beinhaltet die Frage ja auch.

Eine Hebamme kommentiert bei Facebook, dass sie jetzt sehr unsicher wäre, ob sie denn in Zukunft nicht mehr vaginal untersuchen könne, denn ja, das kann schmerzhaft und unangenehm sein für die Frau unter der Geburt.  

Es ist manchmal unerlässlich eine Frau vaginal zu untersuchen, um einen Befund zu erheben, der einen pathologischen Verlauf erkennen lässt.  

Schön wäre es ja, wenn wir das nicht müssten und alle Frauen so in aller Ruhe und Selbstvertrauen, Kraft und Zeit ohne Intervention gemütlich in der Badewanne ihr Baby gebären würden, um es vielleicht hier etwas polemisch zu formulieren.

Die Realität sieht leider anders aus. Nicht jede Frau kann den Muttermund selbst ertasten oder spüren, wie weit dieser sich schon geöffnet hat und ob das Baby in der richtigen Haltung durch das Becken kommt. Ich war dieser Kollegin sehr dankbar für ihren Kommentar.

Der Verein der Roses Revolution wurde von einer Doula gegründet und geführt und ich frage mich, ob sie die Geburtshilfe so gut versteht oder was ihre ganz persönliche Motivation war, Roses Revolution zu gründen.

Ich möchte mich in der Art der Formulierungen und Wortgebungen nicht anschließen.

Ich kann keine Lösungsansätze auf der Website der Roses Revolution sehen, nicht was konstruktiv wäre, um auch das Personal, die Hebammen und Ärzte, die Schwestern und Doulas zu begleiten, die in Situationen im Kreißsaal oder Geburtshaus sind, und sicher Hilfe und Unterstützung brauchen.

Nein, dem Verein ginge es nur um die betroffenen Frauen und um Gerechtigkeit und das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung. Recht und Unrecht sind da eben aber auch sehr nah beieinander.

Ich erfahre nur, dass die Hebammen in den Kreißsälen sich angegriffen fühlen, sich schlecht fühlen und in eine Akte schauen und sich fragen, woran sie jetzt Schuld sind und wo sie einer Frau Gewalt angetan haben?

Eine von diesen weinte dann am Ende eines sehr sehr aufreibenden Dienstes, nach dem wir uns lange gemeinsam die Geburtsakte und den Brief angeschaut haben.

Die für sie bestimmte Rose nahm sie an diesem Abend nicht mit nach Hause.

Wir Hebammen wissen, wie sehr die Geschichten einer Frau nach der Geburt von der Realität abweichen können, von dem was wirklich passiert ist, und dass kein Arzt von der Tür auf den Bauch springt oder die Presswehen 12 Stunden dauern.

Zuhören und ernst nehmen werden wir das Erlebnis der Frau trotzdem.

Jede Frau erlebt den Begriff Gewalt und Geburt anders und sehr individuell und das Trauma, welches sie erlebt, kann aus so unterschiedlichen Gründen kommen oder wiederkommen, so dass ich mich dagegen wehre, Alles über einen Kamm der Gewalt zu scheren.

Und kann es bei Frauen nicht einfach sein, in Berichten, dass es hier wie so oft im Leben, um eine große Enttäuschung geht, einer Erwartung, die nicht eingetreten ist?

Im letzten Jahr gab es einen Flashmob am Hauptbahnhof, bei dem Hebammen mit einem nach gedichteten Song durch den Hauptbahnhof zogen, bunte Schilder mit Worte wie Gewalt darauf hoch hielten und Rosen ab legten. Die in Eile vorbeigehenden Passanten schauten irritiert dem Zug der wenigen Damen hinterher.

Bei Facebook gab es einen Post einer Hebamme, die sich genau gegen diese Art der Hetze wehrte und sagte: “sie verstehe diese Angstmacherei nicht.”

Hebammen im Kreißsaal erzählten von 2 Rosen und Briefen, die im letzten Jahr vor dem Kreißsaal abgelegt wurden, mit Beschimpfungen, persönlichen Diffamierungen und Schuldzuweisungen.

Ich selbst habe schon im Kreißsaal, im Geburtshaus und auch bei Hausgeburten Situationen erlebt, die man vielleicht mit dem Begriff Gewalt in Verbindung bringen könnte.

Ich selbst habe schon Gespräche geführt mit Frauen, die ein Trauma während der Geburt oder durch die Geburt erfahren haben, an denen ich selbst beteiligt war. Aber Gewalt? Oder Vergewaltigung oder Missbrauch oder Respektlosigkeit?  

Geht das hier nicht ein bißchen zu weit?

Oder sollten wir vorsichtiger mit unseren Worten sein?

Es sollten beide Seiten gehört werden und das in einer angemessen Form und Ton, die dem sehr heiklem Thema nämlich gerechter wird, und in einem geschützten Rahmen, die der Intimität gerecht werden.

Ich schreibe das als Hebamme für alle Kolleginnen, die Rosen bekommen haben und die niemand fragt, wie es ihnen damit geht.

Geschrieben von Sabine Kroh, Hebamme und Expertin bei ONO Labs

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